Marcel van Eeden

05.04.2014 – 25.05.2014, Showroom 3.OG
Eröffnung: Donnerstag, 03.04.2014, 19.00 – 21.00 Uhr
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Detail: The Photographer (1945 - 1947), 2011-2012, series of 43 drawings © Foto: Maria Litwa
Detail: The Photographer (1945 - 1947), 2011-2012, series of 43 drawings © Foto: Maria Litwa

The Photographer (1945 - 1947)

Marcel van Eedens Zeichnungen sind situative Lebens-„stills“ eingebettet in die Atmosphäre eines Film Noirs. Dabei entfaltet sich in seinen Bildwelten ein Ort apriori, der primär zwischen 1920 und 1965, das Jahr seiner Geburt, datiert werden kann. Aus dieser pränatalen Ära sammelt er Dokumente des Zeitgeschehens, die er zeichnerisch erfasst und dabei archivarisch neu konnotiert. Diese empirsche Leerstelle wird dabei zur Genese von Fiktion und Narration, bei der Anklänge des Realen mit den Konstruktionen des Künstlers verschmelzen.

Dies geschieht auch in der 43-teiligen Serie The Photographer (1945-1947), die 2012 für die Sammlung erworben wurde. Diese skizziert die Geschichte Oswald Sollmans, der unter dem Pseudonym G. Kirchberger, verdeckt als Fotograf und Publizist tätig ist. Dieses Doppelleben löst eine narrative Lawine aus, in der Geschichte, Kunstgeschichte und Kriminalität miteinander verwoben werden. Die Serie ist getaktet wie Paparazzishots und nimmt auch inhaltlich Bezug zum Diskurs von Fotografie und Malerei. In Murder Inc. stellt sich heraus, dass Oswald Sollmann ebenfalls als Auftragskiller agiert. Im Auftrag der Firma Murder Inc. irrt dieser nun durch dunkle Gegenden. Sein Motiv, sein Auftrag oder ein vermeintlicher Gegenspieler bleiben allerdings so unklar wie ihr Sujet. Das Gefühl der Angst dominiert seine eigene Präsenz. Immer wieder entstehen dabei biographische Verflechtungen von Geschichten, wie sie Paul Auster literarisch konstruiert und in denen das Leben der Protagonisten unerwartet ineinandergreift. Equivalent dazu steht auch am Ende von Austers Kriminalgeschichten nie die Auflösung, sondern lediglich die Reflexion auf Ordnungsstrukturen und Mechanismen der Identitätsbildung. Ähnlich Verschachteltes widerfährt auch der kleinen Alice im Wunderland, die sich mehrfach transformiert und von einer Absurdität auf die nächste trifft. Während Lewis Carroll die Konstruktion von Wirklichkeit anhand der Sprache untersucht, experimentiert van Eeden am Bild und mit unserem Bildgedächtnis. „Ich – ich weiß es selbst kaum, nach alldem – das heißt, wer ich war, heute früh beim Aufstehen, das weiß ich schon, aber ich muß seither wohl mehrere Male vertauscht worden sein.“(Carroll, Alice im Wunderland)

Unter seine formalistischen Zeichnungen setzt van Eeden Textfragmente. Diese, und der Rhythmus der Hängung, suggerieren eine vermeintliche Stringenz des Erzählens. Die Anordnung seiner Werkblöcke zitiert die Ordnung einer hermetischen Sammlungskultur und den Legitimationsanspruch von Historizität. Im Kontrast dazu stürzen van Eedens Protagonisten in aliceesker Manier in Traumwelten und begegnen Akkumulationen des Surrealen. In Wurst. Eine Moritat. Stehen sich zwei Protagonisten Eedens als Würstchen gegenüber und werden dann in jeder wurstigen Erscheinungsform durchdekliniert. Darüber hinaus bricht der Erzählstrang wiederholt ab oder ganze Passagen werden getilgt. Durch die Ausradierung seiner eigens gesetzen Dokumentation, macht van Eeden das Konstrukt des Zeitlichen und die Inszenierung des Sammelns sichtbar. In der Verästelung von Möglichkeiten– des So-oder-anders-sein-Könnens - wird Kausalität zu einer rationalen Orientierung, die nicht angenommen werden muss, sondern Skepsis bedarf. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei - oder mehrere.

Text: Katharina Klang

 

Öffnungszeiten: Samstag 14 - 17.30 h und Sonntag 14 - 16h oder nach Vereinbarung unter info@philara.de