Alex Wissel

Thymostraining

09.11.2019 - 19.01.2020
Eröffnung: 8.11.2019 ab 18 Uhr

Ein verrammelter Bahnhof in Thüringen, weit entfernt Anzeichen eines Dorfes. Der Himmel zieht mächtig und düster zu, es beginnt zu regnen. Wie kommen wir hier nur jemals wieder weg? Aber wir wollen ja erst mal hin! Das letzte Stück fährt uns ein Taxi durch den tiefen, deutschen Wald Richtung Kyffhäuser, Richtung Denkmal. Es schüttet, auf den Serpentinen uns entgegen knattern Rocker-Banden auf Harley Davidsons, lange weiße Bärte. Das Radioprogramm des Mitteldeutschen Rundfunks überträgt von einem Heimatfest in der Nähe. Dort findet ein Live-Rollenspiel statt, die Bevölkerung spielt die Völkerschlacht von 1813 nach. Anwohner hüpfen in historischen Kostümen durch die Gassen, berichtet der Außenreporter. Randalierende Horden überfallen gerade das Dorf, spricht eine Frau ins Mikrofon. Sie habe Angst, sie würden alles zerstören. Auch ihre liebe Ernte. Dann singen die Puhdies elegisch von einem Vorhang, der gefallen ist, dass sich Winde drehen und Menschen gehen, aber „Geschichte bleibt, die nimmt uns keiner mehr“. Dann sind wir da.

Was ist los am teutonischen Touristenhotspot Kyffhäuserdenkmal, an einem normalen Samstagnachmittag? Mineralsteine, Bergkristalle, Deutschlandfahnen, Armbrüste, Traumfänger, Bratwurst für 1,50. Ein Holzschild, auf dem steht „Heimat“ und „Wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört, weil sie unserem Volke gehört.“ So hatte man es sich vorgestellt. So ist es dann auch wirklich. Kurz unterm Kyffhäuser, erstmal essen und einkaufen. Man wählt Kohlroulade mit Rotkohl und Thüringer Klößen. Und schaut auf Bretterbuden im Halbkreis, Verkäufer mit geflochtenen Bärten, Bienenhonig und Met. Neben dem Kyffhäuser-Hotel hat der Gastwirt eine hölzerne Merkelstatue aufstellen lassen, in der stecken viele rostige Nägel. Besucher, so war zu lesen, wurden eine Zeitlang dazu angehalten, sie in die Kanzlerin hineinzuschlagen. Wieder ein paar Meter weiter liegt Paul von Hindenburg in einer Grube. Die steinerne Statue aus der Nazizeit soll nach dem Zweiten Weltkrieg von sowjetischen Soldaten vom Sockel gestoßen und vergraben worden sein, nun weiß keiner so richtig, was man mit dem Mann machen soll, der Hitler zur Macht verholfen hat. Es ist auch nicht einfach, sich hier zu konzentrieren, zu schwer alles, zu viel Geschichte, zu viele Denkmäler, zu heile, zu kaputt, zu still ist es hier.

Der Regen hat aufgehört, aber der gleißende Gewitterhimmel lässt das Licht wie aus Studiolampen scheinen, wie in einer Filmproduktion des Regio-TV. Es ist so irre still hier, als hätte einer den Fernseher leiser gedreht. Die riesigen Bäume raunen, Gewalt liegt in der Luft. Wir reden was, wir wandern hoch, hoch auf den Kyffhäuser. Dort steht es in phallischer Pracht, das Denkmal! Und in ihm drin, illusionistisch in den Sandstein gemeißelt, sitzt Barbarossa und spreadet, mit mächtigstem Bart, schläfrig und grollig seine Beine. Barbarossa aka Friedrich I. war Deutscher Kaiser im Mittelalter. Man weiß wenig über ihn, erzählt sich aber umso mehr. Er war Analphabet, lud Ende des zwölften Jahrhunderts einmal 40.000 Ritter plus Knechte nach Mainz ein zu einer der größten Partys des Mittelalters und vereinte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das sich damals bis nach Sizilien erstreckte. Er verstarb auf einem Kreuzzug am türkischen Fluss Saleph. Aber was heißt schon sterben? Der Sage nach weilt Barbarossa ja direkt unter uns, in einem unterirdischen Höhlenschloss und schnarcht. Solange, bis Deutschland wieder geeint ist. Dann steht Barbarossa auf, um erneut ein goldenes Zeitalter zu begründen. Dass das nicht nur golden, sondern auch deutsch sein wird, versteht sich von selbst.

Dass der Mittelalter-Rotbart hier so groß und berühmt sitzt und pennt, das hat er den Preußen zu verdanken. Kurz nach dem Tod Wilhelms des I. suchte man händeringend nach neuen Geschichten, wie man das eigene verkauft und Tradition im neu geeinten Reich performt. Der auf Beamtentum und Militär gebauten Staatsmacht fehlte es an Pathos und Mythos. Außerdem drängelte innenpolitisch der Feind Sozialdemokratie. Man musste Zeichen setzen. Das Kyffhäuser-Denkmal, dass die Kaisertreuen von 1890 bis 1896 vom Düsseldorfer Architekten Bruno Schmitz an den Rand des Thüringer Waldes bauen ließen, dachte man sich nun als direkten Draht zum identitätsstiftenden Mittelalter. Es war eine Zeit, in der sich die Künstler nützlich machen konnten. Die Germania von Niederwald, das Hermannsdenkmal bei Detmold und viele andere Ehrenmale wurden in der Zeit riesenhaft in die deutsche Landschaft gesetzt, um eine Nationalgeschichte zu konstruieren, an deren Ende die Gegenwart steht. Parallel dazu wurden große Kaiser- und Künstlerfeste gefeiert, um diese Geschichte mithilfe von Darsteller*innen in „lebende Bilder“ zu verwandeln, bis deren Essenz komplett internalisiert wurde. Der deutsche Mythos war geboren. Das deutsche Wesen war geboren.

Düsseldorf galt als Zentrum dieser gewaltigen Gesellschaftsereignisse und Volksfeste, bei denen aktuelle Politik geschickt in der neu gegründeten Geschichtswissenschaft eingewebt wurden und gleichzeitig der Öffentlichkeit ermöglichte, das neue nationale Narrativ immersiv zu erleben. Auf der maßlosen Anlage im Kyffhäusergebirge thront nun also über dem Barbarossa-Denkmal ein nochmal größeres Denkmal vom Gründer des Deutschen Reiches von 1871, auf einem riesigen Pferd. Über diesen Bezug zum Staufenkaiser erscheint so der überlebensgroße Wilhelm I. als Vollstrecker der deutschen Reichseinheit und legitimierte Erbe des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Björn Höcke stand auch schon öfters hier. Unter dem Denkmal trifft sich einmal im Jahr der völkisch-rechtsnationale, so genannte „Flügel“ der AfD und feiert ein Fest der Selbstvergewisserung.
Für Höcke-Freund Kalbitz ist das Kyffhäusertreffen ein patriotisches Kraft- und Ruhezentrum, in dem die Kameraden unter Gleichgesinnten ihre Batterien mit Mythos aufladen können, um dann frisch gestärkt wieder in den Kampf ziehen zu können. Man braucht viel Ruhe für viel Zorn. Das Überleben des Volkes hängt von der Wut des Volkes ab. Das sagt AfD-Philosoph Jongen. Für ihn leidet die Bundesrepublik unter einer „thymotischen Unterversorgung“. Er diagnostiziert den Europäern eine Armut an Zorn und Wutbereitschaft. Thymos ist ein altgriechisches Wort, das in seiner Bedeutung zwischen Mut, Zorn und Empörung schwankt. Barbarossa war wütend, er guckt zornig. Still ist die Landschaft, zornig der Kaiser. Erst wenn Adler statt schwarzer Raben über dem Kyffhäuser kreisen, wacht Barbarossa auf. Exakt achthundert Jahre nach seinem Tod war Wende und Wiedervereinigung Deutschlands. Ist er aufgestanden? Ist er nicht. Das war alles noch viel zu klein.

Der Wunsch nach einer Wiederverzauberung der Welt ist heute groß. Die Romantik entstand als Gegenbewegung zur Verstandesherrschaft der Aufklärung und der industriellen Revolution. Im Schatten der auf Zahlencodes gegründeten digitalen Revolution entsteht 200 Jahre später eine neue, schwarze und oftmals auch braune Romantik, der bei Ritterspielen auf einsamen Schlössern gefrönt wird, auf denen rechtsnationale Esoteriker alten deutschen Adelsgeschlechtern nachempfinden oder sich gleich als Reichsbürger noch radikaler einmauern. Darum geht es auch, wenn sich Höcke in einem kurz darauf abgebrochenen ZDF-Interview stolz dafür entschuldigt, seine Sprache würde ‚ins Poetische gehen’. In dieser Sphäre der raunenden und freien Kunst, die er für sich beansprucht, sind letztlich auch NS-Termini Auslegungssache. Er will keine Mahnmale mehr, er will deutsche Denkmäler. Von überall her rufen sie nach abgeänderten Geschichtsschreibungen, in denen nicht mehr die Renaissance der helle, klare Morgen der Weltgeschichte ist, sondern der Beginn eines kalten, klaren Bösen. Und im Mittelalter, als die Waldhexe noch fuchtelte, der letzte Sinn. Die AfD-Leute wollen was Quasimagisches, Ritualistisches, Religiöses. Was mit Hermann. Um die personifizierte Germania versammelten sich beim Künstlerfest die Figuren von Kunst, Sage, Geschichte und Poesie, um unter der Führung von Kunst Begebenheiten der deutschen Geschichte, in Bildern darzustellen. Ein Geschichtsspiel. Nationalküche, Kostüme, Wurzeln.

Hat man die 247 Stufen Wendeltreppe im Turm überwunden und steht japsend oben an der frischen Luft, dann ist es plötzlich da: Deutschland, soweit das Auge reicht. Die gelbglänzenden Felder und dunkelgrünen Wiesen, quadratisch in die Landschaft gelegt wie ein Blechkuchen. Dazwischen, daneben, dahinter: Wald. Die Buchen, die Eichen, die Fichten, die Kiefern, die Tannen, der poetische, der wilde, der deutsche Wald. Hier oben bäumt sich einem nicht nur das Kyffhäusergebirge entgegen, auch vom Harz ist etwas zu sehen, nördlich geht der Blick in die so genannte Goldene Aue. Und dann natürlich, gen Süden: Der dunkle Thüringer Wald. Groß fühlt sich das alles an, und klein man selbst. Unglaublich still ist es hier.

- Timo Feldhaus & Alex Wissel