Mie Olise

09.11.2013 – 15.12.2013, Showroom 3.OG
Eröffnung: Donnerstag, 07.11.2013, 19.00 – 22.00 Uhr
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Mie Olise, The Farm, 2013
Mie Olise, The Farm, 2013

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Dilapidated Construction

Die Arbeiten der dänischen Künstlerin Mie Olise sind Konstrukte des Utopischen. Malerisch, filmisch und bildhauerisch widmet sie sich Strukturen des Existenten und ihrer Abwesenheit. Dabei nähert sie sich systematisch dem Verfall, den daraus resultierenden Leerstellen, und begreift diese als Horte des Möglichen.

 

Ruinöse Konstruktionen, verwahrloste Interieurs sowie das Dahinschwinden industrieller Erscheinungsformen sind Themen ihrer großformatigen Bilder. Schwebend, ohne örtliche oder zeitliche Referenz, makaber auf fragile Stelzen gestellt, verspotten diese maroden Behausungen ihre eigene Statik. Fragmente wie Giebel und Fenstervorsprünge treten stellenweise hervor und verweisen immer auf die Mangelhaftigkeit ihrer Konstruktion. Aus verrotteten Latten zusammengezimmert scheinen diese Häuser der Idee von Architektur höhnisch zu widersprechen. Vielmehr sind sie trägerlose, ihrer Funktion enthobene Baracken. Fast ironisch wirkt es hingegen, wenn diese mit einer Uhr oder einer Lichterkette bekränzt, auf den Stillstand oder die vermeintliche festliche Akkumulation von Menschen verweisen. Genau jenes Moment entrückt diese Objekte noch weiter ins Melancholische.

Besonders deutlich wird dies an den Aufbauten, die an verfallene Kirmesattraktionen erinnern. Marode Achterbahngleise gliedern die Leere. Große, krakenähnliche Gebilde schleudern niemanden. Die Dialektik des Festes – die Tristesse des Gewesenen.

Mit dieser Ambilvalenz spielt Mie Olise ebenfalls in ihren Bootsdarstellungen und in dem Film „Playing Ship“. Objekte der Bewegung, des Transits, werden bei ihr zu gestrandeten Manifestationen von Stagnation. In „Playing Ship“ zieht die Künstlerin bei einem Schneesturm durch die isländische Einöde, um auf einem im Nichts festgefahrenen Corpus eines alten Schiffes zu musizieren. Besonders im Medium des Musikalischen wird die Flüchtigkeit des Seienden erst begreiflich.

Mie Olise hat ein Gespür für Perispherien. Während Reisen in die Arktis dokumentierte sie das zivilisatorische Verschwinden russischer Städte. In ihren Videos „Into the Pyramid – Giving Back Speaker Sound Ballett“ und „Into the Pyramid – Inhabiting Abandoned Places“ skizziert sie das Abblättern von Präsenz. Dabei schreitet sie über Spuren und verwebt die Relikte zu ihrer eigenen subjektiven Geschichte. Diese demographischen Leerstellen sind zum einen Auslöschungen ihrer Tradierung, aber gleichzeitig entsteht an diesen Nicht-Orten eine neue Geschichte – eine des Vorgefundenen.

Gespeichert werden bei Mie Olise nicht nur Gebäude einer verrottenden Utopie, sondern die gelernte Architektin entwirft Modelle ihrer Konstruktionen. Diese werden von ihr verwahrt, abgemalt und die Künstlerin wird somit zum Archivar ihrer eigenen Konzepte. Dabei entsteht eine Typologie des Nicht-Ortes, die „keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit“[1] schafft. Den Konstruktionen Olises sind ihre Flüchtigkeit gemein. Ihre raumgreifenden Installationen haben einen hüttenhaften Charakter. Es sind Behausungen des Provisorischen. Neben ihrer Konstruktion verweisen sie stets auf das Potential von Eingriffen oder ihrer Dekonstruktion, ihres Verschwindens. Durch den Verfall und die Wiederverwertung einzelner Segmente entsteht ein Bruch von Konzeption – denn auch jede Utopie birgt ihr Scheitern.

 


[1] Auge,Marc: Nicht-Orte, Frankfurt 1994, S.121.

(Text: Katharina Klang)

 

Öffnungszeiten: Samstag 14 - 17.30 h und Sonntag 14 - 16h oder nach Vereinbarung unter info@philara.de

 

 

Dilapidated Constructions


Mie Olise’s works are constructs of utopia. In a pictorial, cinematic and sculptural way she concentrates on structures of existence as well as their absence. Thereby she systematically approaches the essence of corruption and the resulting blank spaces, which she conceptualises to create a treasure of possibilities.


Ruinous constructions, shabby interiors and the disappearance of industrial landmarks are pictorial themes of her large scaled images. Levitating, without any relatedness, based on far too fragile stilts, they turn into dilapidated constructions deriding their own statics. Fragments like angular gables and dormer windows underline this conceptual imperfection of conception. By picturing used laths for the ruff constructions. These houses sarcastically contradict the whole idea of architecture. Rather they are unsupported, inoperable barracks, which ironically refer, by showing a clock, an empty theatre and bulbs, to a bygone festive accumulation of people. Thus, these objects strongly convey a melancholic atmosphere.

 

This is explicitly demonstrated by a building which provides memories of decayed funfair attractions. Rickety tracks of a rollercoaster devide the void. Large, ‘octopus-like-structures’ are hurling no one. The dialect of celebration – the tristesse of what has been.

 

Mie Olise also uses this ambivalent moment in her portrayal of ships and in the related film „Playing Ship“. Symbolic objects of movement and transmission become a stranded manifestation of stagnation. In „Playing Ship“ Olise wanders through the Icelandic solitude during a snowstorm, simultaneously accompanied by the made up sound of the shuttered and stacked corpus of a ship. By applying music the volatility of entity is becomes apprehensible.

 

Mie Olise has an intuition for peripheries. During expeditions to the arctic she documented the disappearance of Russian towns. In her cinematic works “Into the Pyramid – Giving back Speaker Sound Ballett“ and “Into the Pyramid – Inhabiting Abandoned Places“ she outlines the peeling of presence. Thereby she lopes along traces and intertwines the shipwrecked relicts into a new subjective history. On the one hand these demographical gaps are extinctions of passing, but simultaneously these non-places develop a new story – where one encounters the existing.

 

The artist not only shows an interest in storing marks of dilapidated Utopias, the studied architect Mie Olise also designs models of her constructions, which she keeps safe by depicturing them. Consequently she becomes an archivist of her own conceptions. During this process she unfolds a whole typology of ‘transmission-zones’, which „do not have a special identity or special relation, but loneliness and affinity.“1 The commonality of Olise’s constructions is based on their volatility. Her installations resemble well-constructed shacks – ‘makeshift habitations’. Beside their construction they continually refer to the potential of extrinsic intervention, further they refer to their deconstruction, their dissolution. The simultaneous decay and recovery of singular segments, accomomodate a burst of conceptions – any utopia contains its failure.

 

1 Auge, Marc: Nicht-Orte, Frankfurt 1994, S.121. „keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit“ Quoted by K.K.